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Wie ist der Koran heute zu verstehen?

P. Felix Körner ist Mitglied der Jesuiten-Kommunität in Ankara. Er steht im Kontakt mit muslimischen Theologen. In englischer Sprache hat er die neue türkische Theologie dargestellt (Revisionist Koran Hermeneutics in Contemporary Turkish University Theology. Rethinking Islam, Würzburg 2005) und demnächst erscheint ein Übersetzungsbändchen aus seiner Feder: Alter Text – Neuer Kontext. Koranhermeneutik in der Türkei heute.

Neue Zugänge in Ankara

„Wir brauchen eine Theologie wie im Westen!“ So fordern türkische Abgeordnete 1948 in ihrem Parlament. Sie läuten damit eine neue Zeit ein. Es enden nicht nur gut zwei Jahrzehnte chaotischer Ausbildungsverhältnisse für die islamischen „Geistlichen“ der Türkei. Es geschieht etwas in der ganzen islamischen Welt Unerhörtes: 1949 wird eine theologische Fakultät modernwissenschaftlichen Zuschnitts an der jüngst gegründeten Universität Ankara angesiedelt. Erstmals wird nun muslimische Theologie im Gespräch mit kritischen Disziplinen wie empirischer Psychologie, Soziologie, Historie getrieben. Nichtmuslime werden gebeten, Religionsgeschichte zu unterrichten – bekannt ist die Lehrtätigkeit Annemarie Schimmels in Ankara ab 1954. Die Türkei wird in den nächsten Jahrzehnten knapp zwei Dutzend weitere theologische Fakultäten erhalten, nach dem Ankaraner Vorbild, ja oft mit Kräften aus Ankara.

 

Bis heute gestehen die türkischen Kollegen, selbst im traditionsreichen Istanbul, der Ankaraner Fakultät die Ehre zu, in manchen Gebieten die Avantgarde zu sein. Das gilt insbesondere für die zentrale Frage: Wie ist der Koran heute zu verstehen?

 

Nun ist man sich in dieser und allen andern theologischen Kernfragen in Ankara genauso uneins wie an jeder lebendigen Fakultät der Welt. Die Kontroverse macht die Wissenschaft erst spannend. Das wundert umso weniger, als der Lehrkörper einschließlich Mittelbau knapp 100 Mann – und Frau – zählt. Aber es hat sich im Laufe des vergangenen Jahrzehnts eine Denkrichtung innerhalb der Fakultät herausgebildet, die eine gewisse Gemeinsamkeit im Denken erkennen lässt: hohes Niveau, steile Thesen, mutige Aufnahme neuer, auch westlicher, Ansätze, ein islamischer Modernismus. Die jungen Theologen, die dies vertreten, nennen sich selbstbewusst „Ankaraner Schule“. Sie sind mit drei Buchreihen und der Fachzeitschrift islâmiyât in der türkischen Öffentlichkeit vertreten.

 

Woher kam der Impuls?

Der denkerische Aufbruch dieser Theologengruppe bekam seine ersten Anstöße von zwei heute emeritierten Professoren der Ankaraner Fakultät, Mehmet Said Hatiboglu und Hüseyin Atay. Ein weiterer Faktor des Neuanstoßes ist darin zu sehen, dass alle Mitglieder der „Ankaraner Schule“ während ihres Theologiestudiums eine gewisse Zeit in Europa oder den USA verbracht haben. Besonders anregend war für die jungen Wissenschaftler schließlich die Begegnung mit Fazlur Rahman. Der 1919 im heutigen Pakistan geborene muslimische Theologe lehrte bis zu seinem Tode 1988 an der University of Chicago islamisches Denken. Fazlur Rahmans hermeneutische Ausgangsfrage war: Wie kann man den Koran als Offenbarung ernst nehmen, ohne seine doch zum Teil offenkundig veralteten Vorschriften heute anwenden zu müssen? Er sah den Koran als Handbuch der Ethik, das nicht Einzelanweisungen, sondern Prinzipien bietet. Diese Prinzipien seien lediglich anhand von konkreten Beispielen, den koranischen Regelungen, erklärt. Folglich konnte Fazlur Rahman ein dreischrittiges Auslegen vorschlagen. Um den Koran zu verstehen, müsse man ihn im Kontext der Zeit seiner Verkündigung verstehen. Der erste Schritt ist also die Rückkehr in die Offenbarungszeit. Aus dem so Verstandenen sind die den Einzelregelungen zugrunde liegenden allgemeingültigen ethischen Prinzipien zu destillieren. Der zweite Schritt lautet also: hinter das Geschichtlich-Einzelne zum Allgemein-Prinzipiellen. Das so gewonnene Destillat sei nun in jeder Zeit neu aufzugießen. Drittens also folgt der Schritt zurück ins Jetzt.

 

Und heute?

Eine solche Methode macht es möglich, den Koran ernst zu nehmen, ohne ihn sklavisch zu befolgen. Dann geht es eben nicht mehr ums Hände-Abschlagen bei Diebstahl (Sure 5:38), sondern um den Schutz von Eigentum.

 

So befreiend dieser Ansatz ist, er hat auch Feinde. Die Ankaraner Theologen mussten ihn weiterdenken, um die Einwände aufzuarbeiten. Professor Ömer Özsoy zum Beispiel sagt: „Der Koran ist kein Text.“ Das klingt erstaunlich. Aber es ist ein wichtiger Hinweis. Denn man darf den Koran nicht einfach aufschlagen und meinen, die heutigen Fragen von ihm beantwortet zu bekommen. Alles, was im Koran steht, hat Muhammad in jeweils ganz konkreten, einzelnen Situationen verkündet. Man kann es also nur verstehen, wenn man die damaligen Umstände rekonstruiert.

 

Ein anderer Ankaraner Koranforscher, Professor Mehmet Paçaci interessiert sich brennend für die Bibel. Er sagt: Erst wenn wir die Bibel und die nachbiblischen Traditionen kennen, können wir den Koran verstehen. Ein Beispiel: In Sure 112:2 heißt Gott  „der Massive“. Dies war den Forschern immer ein Rätsel geblieben. Der Ankaraner Forscher schaut sich nun die jüdische Welt zur Zeit Muhammads an, versetzt sich also auf die arabische Halbinsel des 7. Jahrhunderts nach Christus. In den Synagogen wurde die hebräische Bibel verlesen und dann mündlich ins Arabische übersetzt. Solche Übersetzungen waren aber vorsichtig. Die kräftigen sprachlichen Bilder der Bibel wurden abstrakter, indirekter wiedergegeben. Man wollte zeigen, dass Gott nicht greifbar ist. Nun heißt Gott in der Bibel oft „der Fels“. Übersetzt wurde „der Massive“. Wenn man das mit den Ohren der Menschen damals hört, versteht man: Hier zeigt sich Gott als die Stätte der Zuflucht, als der einzige, der aus der Wüste des Todes herausragt, der Orientierung und Sicherheit schenkt.

 

Elfenbeinturm Ankara?

Ist das nicht eine avantgardistische Theologie ohne Breitenwirkung? Nein. Die Denker der „Ankaraner Schule“ sind kein Zirkel im Elfenbeinturm. Sie sind „Schule“ auch in dem Sinn, dass sie den theologischen Nachwuchs der Türkei ausbilden. An der Ankaraner Fakultät beispielsweise erwerben jährlich etwa 100 Studentinnen und Studenten einen akademischen Grad. Es sind zukünftige Religionslehrerinnen und -lehrer sowie spätere Imame und Beamte der Religionsbehörde. Von ihm, dem Präsidium für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet Isleri Baskanligi) sind die theologischen Fakultäten selbst unabhängig. Sie unterstehen keiner „lehramtlichen“ Autorität, sondern nur der staatlichen Hochschulbehörde (Yüksekögretim Kurulu).

 

Die türkische Theologie ist, gerade in den denkerischen Neuansätzen, für die islamische Theologie weltweit bedeutsam. Studierende aus Zentralasien und den Balkanländern greifen sie auf. In der persisch- und arabischsprachigen Welt findet sie jedoch bedauerlicherweise bisher wenig Anerkennung. Hier traut man den Türken offenbar zu wenig zu. Doch die Türkei hat theologisch wirklich Neues zu bieten. Angefangen hat dieses Neue mit dem Ruf „Theologie wie im Westen“. Was vor 60 Jahren der letzte Schrei war, ist heute suspekt: Man will doch nicht Europa kopieren! So fragen sich die islamischen Theologen in Ankara heute auch, wie eine authentisch muslimische Theologie aussehen muss. Die Diskussion geht weiter.

Felix Körner SJ
 


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